Warum es auf dem Gögginger Friedhof russische Gräber gibt

9. Juli 2019

Alfred Hausmann über die Situation der Zwangsarbeiter in Göggingen. Der Text erschien zuerst im Gemeindebrief der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Dreifaltigkeitskirche.

Wilhelm Koller war von 1936 bis 1946 Pfarrer an der Dreifaltigkeitskirche. In seinen Erinnerungen an diese Zeit erzählte er, dass öfter ukrainische Frauen in ihrer Tracht in den Gottesdienst kamen. „Wir konnten uns nicht mit ihnen verständigen. Sie sprachen kein Deutsch und wir natürlich kein Ukrainisch. Aber sie standen mit uns vor dem Altar und vor dem Kreuz und weinten und schluchzten. Es war erschütternd.“

Diese Frauen kamen aus einem Lager für Fremdarbeiter, wie es damals hieß, das seit 1942 in der heutigen Friedrich-Ebert-Straße stand. Dort wo heute der große Bau gegenüber der Friedrich-Ebert-Schule das Bild beherrscht, befand sich damals das „Sammellager V“ mit 34 Baracken. In den 18 Schlafbaracken lebten 1942 1344 junge Männer und Frauen, die meisten aus der Sowjetunion. Sie leisteten Zwangsarbeit bei Messerschmitt und im Reichsbahnbetriebswerk im Hochfeld. 1944 war das Lager mit knapp 2000 Menschen belegt, die jetzt auch für die Firmen Renk und Alpine arbeiten mussten. Die meisten waren unter zwanzig Jahre alt oder knapp darüber. Auch etwa fünfzig 14- und 15-Jährige waren darunter. Man hatte sie aus ihrer Heimat unter Zwang verschleppt. 13 Millionen sollen es gewesen sein.

Das Gelände an der damaligen Bahnstraße war mit Stacheldraht umzäunt, am Eingang standen Wachposten der Polizei. Der Kontakt mit Deutschen war den Arbeitern verboten. Eine Liebesbeziehung zu einer deutschen Frau wurde mit dem Tod bestraft, die Frau kam ins KZ.

Die Arbeiter/innen mussten nach einem kargen Frühstück zu ihrer Arbeitsstelle marschieren. Das konnte in Göggingen jeder sehen. Um 17 Uhr erfolgte der Rückmarsch ins Lager und nach dem Abendessen der Rückzug in die Baracken. Der Verdienst lag je nach Firma und Arbeit bei 5 bis 30 Mark pro Monat. Doch ohne Lebensmittelmarken konnte man sich damit so gut wie nichts kaufen. So war der Hunger ein ständiger Begleiter der Arbeiter. Der Wunsch den schlechten Lebensbedingungen zu entkommen führte auch zu Fluchtversuchen. 2001 erzählte eine ehemalige Verschleppte aus der Ukraine, sie sei mit fünf Kameradinnen aus dem Lager geflohen. Sie seien an einen Fluss gekommen. Ein Mann in einem Boot versprach, sie ans andere Ufer zu bringen. Sie sollten auf ihn warten. Er verständigte aber die Polizei, die sie ins Lager zurückbrachte. Sie fürchteten nun in ein KZ zu kommen. Zu ihrem Erstaunen passierte ihnen aber nichts weiter.

Auch Kinder wurden im Lager geboren. Am 1. Februar 1945 wurde in der Kirche St. Georg und Michael der kleine Myszislaw, ein Kind polnischer Eltern, getauft. Eine Woche vorher war er im Lager geboren.

Vom Lager auf dem Gelände einer ehemaligen Ziegelei gibt es keine Spur mehr. Aber auf dem Gögginger Friedhof findet man ganz im Westen hinter der Mauer mit den Urnennischen eine Gedenkstätte für Opfer aus dem Lager.
Sie erinnert daran, dass es kurz vor Kriegsende noch zu einem schlimmen Ereignis kam. Fünf bei der Reichsbahn eingesetzte ukrainische Arbeiter glaubten, das Ende der Macht ihrer Herren sei nahe und schrieben Flugblätter, in denen sie das Ende von Krieg und Faschismus ankündigten. Sie wurden wahrscheinlich denunziert. Die Männer wurden verhaftet, an die Wertach gebracht, dort erschossen und verscharrt. Sechs Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner! Einer aber konnte seinen Henkern entkommen. Im Mai 1945 wurden die Toten exhumiert und ehrenvoll im Gögginger Friedhof unter der Anteilnahme ihrer Kameradinnen und Kameraden bestattet. Ein Ehrenmal wurde aufgestellt. In kyrillischer Schrift steht dort:

Von den Kollegen
und Freunden für
Rukow Dimitij
Krugijak Alexej
Bersow Alexandr
Puschkin Valentin
die in der Periode des Zweiten Weltkriegs 1941- 45
für die antifaschistische Arbeit in Deutschland
in der Folterkammer der Gestapo
zu Tode gequält und grausam
vernichtet wurden.

Links und rechts des Ehrenmals liegen weitere 52 aus der Sowjetunion verschleppte junge Menschen, die in Göggingen starben, darunter 12 Frauen und Mädchen. Die Stadt Augsburg ehrt sie zu Allerheiligen wie ihre Ehrenbürger mit einem Kranz.

Sehr wahrscheinlich gibt es keine ehemaligen Insassen des Lagers mehr. 2006 hat der Gersthofer Lehrer Dr. Lehmann eine ehemalige in Göggingen Inhaftierte in der Ukraine besucht. Sie arbeitete als Jugendliche bei Messerschmitt. 2006 war sie 85 Jahre alt und erhielt 60 € Rente. Früher durfte sie wie alle Zwangsarbeiter über ihre Zeit in Deutschland nicht sprechen. Die sowjetische Gesellschaft verleumdete sie als Kollaborateure der Faschisten. So zählen sie zu den nicht so seltenen Opfern der Nazis, denen von den Kommunisten erneut Unrecht zugefügt wurde.

Alfred Hausmann