Rundmail zum Jahresende 2019

Eintrag vom 29. Dezember 2019

Liebe Freunde und Mitglieder der ErinnerungsWerkstatt Augsburg,

zum Jahresende blicken wir auf viele Aktivitäten zurück – Aktivitäten in einem Jahr, das auf erschreckende Weise gezeigt hat, wie wichtig und dringend notwendig es ist, die Erinnerung an eine Zeit ist, in der Unrecht und Unmenschlichkeit herrschten, immer wieder zu erneuern.

Sechs neue Erinnerungsbände konnten 2019 installiert werden. Sie erinnern an 13 Augsburgerinnen und Augsburger, die aus dem einzigen Grund ermordet wurden, dass sie nicht in die nationalsozialistische Sicht der Welt passten. An ihrem letzten Wohnort ermöglichen nun die Erinnerungsbänder das Gedenken an das jüdische Ehepaar Herrmann und ihre zwei Töchter (Völkstraße), an den Priester Dr. Adam Birner (Peutingerstraße), an die jüdische Familie Zebrack (vor der ehemaligen Synagoge Kriegshaber), an den als Homosexuellen Verfolgten Karl Mascher (Müllerstraße), an die den Krankenmorden zum Opfer gefallene Charlotte Eckart (Gesundbrunnenstraße) und an den kommunistischen Arbeiter Josef Graf, , der vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt wurde (Kurze Wertachstraße).

Zahlreiche neue Biografien von Augsburgerinnen und Augsburgern sind in dem zu Ende gehenden Jahr für das Gedenkbuch erarbeitet worden. Insgesamt sind 144 Lebensgeschichten nun online für jeden einsehbar. Einige davon haben Schülerinnen und Schüler am 29. Januar bei der Gedenkstunde zur Befreiung von Auschwitz vorgetragen. Wir danken Frank Schillinger für seine engagierte Begleitung von Schulklassen wie Einzelpersonen bei der Recherche der Opferbiografien sowie Michael Friedrichs und Alfred Hausmann, die ihn bei der redaktionellen Bearbeitung unterstützten.

Mit Veranstaltungen haben wir das Wissen um das Unrechtssystem des Nationalsozialismus vertiefen und erweitern können. Professor Andreas Concha aus Bozen rief die Schicksale von zehn Südtiroler Kindern in Erinnerung, die im Rahmen der Kindereuthanasie in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren ermordet wurden, und Clemens Winter befasste sich mit der Rolle der deutschen Bevölkerung bei den Todesmärschen sowie mit der Nachgeschichte dieser Massenverbrechen vor der Haustür. Bei einem Erinnerungsabend im Diesel-Gymnasium Hochzoll haben Alfred Hausmann und Michael Friedrichs bislang vergessene jüdische Bewohner des Stadtteils vorgestellt und Benigna Schönhagen hat einen Überblick über die Geschichte der jüdischen Vorkriegsgemeinde gegeben. Alfred Hausmanns Recherchen flossen in die Ausstellung „Silber für das Reich“ des Bayerischen Nationalmuseums in München ein und haben zur Restitution geraubter Silberobjekte geführt. Aktive Erinnerungsarbeit ermöglichten auch Inge Kroll, Franz Schwarzbäcker, Josef Pröll und Thomas Hacker mit einem gemeinsam von VVN, Stolperstein-Initiative und ErinnerungsWerkstatt organisierten Stadtspaziergang („Augsburger Wege der Erinnerung“) zu Orten von Opfern und Tätern der NS-Zeit, genau am 81. Jahrestag des Novemberpogroms.

Lange haben wir nach einem alternativen Material für die stark nachdunkelnden Erinnerungsbänder gesucht. Zusammen mit dem Kulturamt konnte nun eine befriedigende Lösung gefunden werden. Das neue Material kommt wohl schon bei der Installation der nächsten Erinnerungsbänder zum Einsatz.

Damit sind wir auch schon bei der Planung fürs kommende Jahr. Die erste Installation wird bereits im Januar 2020 in der Prinzregentenstraße 9 stattfinden. (Das genaue Datum werden wir noch bekannt geben.) Dort lebten Martin, Clara und Erwin Cramer, die Eltern und der Bruder des Augsburger Ehrenbürgers Ernst Cramer, bevor sie im April 1942 nach Piaski deportiert wurden. Weitere Verlegungen sind in Planung. Wer eine Patenschaft für ein Erinnerungsband übernehmen möchte, wende sich bitte an den Sprecherkreis (kontakt@erinnerungswerkstat-augsburg.de) oder an Dr. Felix Bellaire (erinnerungskultur@augsburg.de)

Zum gemeinsamen Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus laden wir wieder am Auschwitz-Gedenktag, dem 27. Januar, in den Oberen Fletz des Rathauses ein, diesmal gemeinsam mit VVN, Stolperstein-Initiative, Gegen Vergessen – für Demokratie, Jüdischem Museum Augsburg, Israelitischer Kultusgemeinde und Evangelischem Forum Annahof. Die Stadtspaziergänge „Augsburger Wege der Erinnerung“ werden fortgesetzt, und zwar am 7. März, 9. Mai, 1. August und 7. November. Außerdem planen wir Putzaktionen an den Erinnerungsbändern. Ebenfalls vorgesehen sind weitere Vorträge, etwa zur Holocaust Education mittels videografierter Zeitzeugenberichte, ein Workshop zu den weißen Flecken in den eigenen Familiengeschichten sowie eine Exkursion zum „Geschichtsort Hotel Silber“ in Stuttgart.

Allen, die ihre Zeit, ihre Ideen und ihr Interesse sowie die trotz aller Ehrenamtlichkeit erforderlichen finanziellen Mitteln zur Verfügung gestellt haben, danken wir herzlich. Auch für das kommende Jahr bitten wir um Ihre aktive Unterstützung und freuen uns sehr über neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die es erlauben, die Arbeit für die ErinnerungsWerkstatt auf mehrere Schultern zu verteilen.

Der Sprecherkreis der ErinnerungsWerkstatt Augsburg wünscht Ihnen allen ein gutes und friedliches Jahr 2020!

Angela Bachmair, Dr. Nikolaus Hueck, Verena von Mutius-Bartholy, Dr. Benigna Schönhagen